AirSelfie E03 im Test: Schrottige Selfie-Drone in die Luft gelassen

Marcel Am 07.10.2017 veröffentlicht Lesezeit etwa 7:51 Minuten

Drohnen erfreuen sich seit einigen Jahren einer immer größer werdenden Beliebtheit. Primär natürlich die größeren Kameradrohnen, seit einiger Zeit tauchen aber auch vermehrt so genannte Selfie-Drohnen auf dem Markt auf. Möglichst kompakte Drohnen, deren Hauptaugenmerk natürlich auf Selfies liegt – wie es der Name schon vermuten lässt. Der Fokus dieser Drohnengattung liegt also weniger auf Höhe, Geschwindigkeit und Flugzeit; vielmehr sollte eine Selfie-Drohne möglichst kompakt gebaut und damit einfach zu transportieren sein, eine anständige Kamera und Bildqualität liefern und vor allem auch für Anfänger und Unerfahrene einfach  und unkompliziert zu bedienen sein.

Prinzipiell eine sehr feine Sache, denn mithilfe einer Selfie-Drohne lassen sich ganz ansehnliche Motive einfangen und machen noch dazu auch die in der Vielzahl zu sehenden Deppenzepter aka Selfiesticks obsolet. Klingt zumindest in der Theorie gut, in der Praxis gibt es allerdings en paar Fallstricken, die den Selfie-Spaß mit dem Mini-Flugobjekt weitestgehend zunichte machen. Einer der ersten Selfie-Drohnen, die auf meinem Schirm auftauchten, war die AirSelfie E03, die Ende 2016 über einer halben Millionen US-Dollar via Kickstarter einsammeln konnte. Dank des China-Shops GearBest konnte ich mir die AirSelfie-Drohne einmal genauer anschauen – und durfte mit dieser gleich mal die erwähnten Negativ-Erfahrungen machen.

Die AirSelfie-Drohne angeschaut

Die AirSelfie kommt in einer Apple-ähnlichen Verpackung daher und bereits beim Auspacken war ich ein wenig überrascht, denn die Drohne ist wirklich klein. Die Abmessungen betragen etwa 6,7 x 9,4 x 1 Zentimetern bei einem Gewicht von rund 61 Gramm – also in etwa eine Hand voll Drohne. Durch das gebürstete Aluminium macht die Drohne einen äußerst robusten und auch wertigen Eindruck, der durch die absolut einwandfreie Verarbeitung ohne unerwünschte Spaltmaße und scharfen Kanten zusätzlich verstärkt wird. Vor allem ohne des abnehmbaren Silikonrahmen nimmt man die kleine Drohne gerne in die Hand.

Die sechsblättrigen Rotoren, von denen vier an der Zahl vorhanden sind, sind in das Gehäuse eingelassen und nach oben und unten offen. Hierdurch wird die Drohne nicht nur weniger anfällig, sondern es wird auch die Gefahr vermieden, durch eine unachtsame Handlung mit dem Finger oder der Hand in die Rotoren zu packen – auch bei dieser Größe kann dies schmerzhaft sein. Die Rotoren besitzen einen Durchmesser von etwa drei Zentimetern und sollen die AirSelfie auf eine maximale Höhe von 20 Metern bringen.

An der vorderen Seite befindet sich die eingelassene Kamera mit fünf Megapixeln, laut dem Hersteller die größte Kamera, die man bei den geplanten Abmessungen verbauen konnte. An der Unterseite hat man ein Höhensonar und eine Stabilitätskamera verbaut, durch die die Drohne stabil in der Luft stehen und wackelfreie Bilder liefern soll – zumindest letzteres kann ich nicht bestätigen. Außerdem gibt es hier einen meiner Meinung nach zu klein geratenen Ein-/Aus-Schalter (eher in Pin) und eine Mini-LED, die den Betriebszustand der Drohne anzeigt. Auf der Gegenseite der Hauptkamera befindet sich dann noch ein MicroUSB-Anschluss zum Laden des integrierten Akkus.

Die App für iOS und Android

Hat man die Drohne ausgepackt, sollte sie zunächst einmal geladen werden, anderenfalls machen bereits die ersten Versuche nur wenig Spaß. Eine Ersteinrichtung ist nicht notwendig, denn sobald die AirSelfie eingeschaltet wird, erzeugt sie ein eigenes WiFi-Netzwerk (auf 2,4 GHz), mit dem sich das Smartphone ganz unproblematisch verbinden lässt. Zur Steuerung der AirSelfie wird dann lediglich noch die dazugehörige App benötigt, die für iOS und Android zu haben ist. Ist optisch definitiv nicht das gelbe vom Ei, allerdings findet man sich eigentlich sofort zurecht und die App arbeitet stabil. Irgendwie zweckmäßig und funktionell halt, auch wenn ich mir immer wieder die Frage stelle, wie man so eine App veröffentlichen kann.

AIRSELFIE CAMERA
AIRSELFIE CAMERA
Entwickler: Edoardo Stroppiana
Preis: Kostenlos
AirSelfie
AirSelfie
Entwickler: AirSelfie
Preis: Kostenlos

Die App bietet drei unterschiedliche Modi für die Drohne: Selfie Mode, Selfie Motion Control Mode und Standard Control Mode. Die drei Modi unterschieden sich bezüglich der Steuerung, denn während der Selfie Mode lediglich die Grundkommandos zur Änderung der Höhe, Richtung und Drehung anzeigt, besitzt der Standard Control Mode eine eher klassische Steuerung mit virtuellen Steuersticks. Ganz spaßig ist der Selfie Motion Control Mode, bei dem die Drohne mittels Neigung des Smartphones gesteuert werden kann. Wird das Smartphone beispielsweise zu einem hingeneigt, steigt die Drohne – koppt man das Smartphone von sich weg, sinkt die Drohne. Nach kurzer Übung sehr intuitiv.

Neben den virtuellen Steuerungstasten bietet die App aber auch noch eine Live-Vorschau der Drohnen-Kamera an, allerdings nur in VGA-Auflösung. Über die App lässt sich des Weiteren über einen Tap auf die Vorschau ein Foto aufnehmen, über das entsprechende Icon lässt sich auch die Video-Aufnahme aktivieren. Auch eine Notfall-Taste wird eingeblendet, über die sich die Drohne auf die Schnelle stoppen lässt. Blickt man noch kurz in die Einstellungen, bekommt man zwei Einstellungsmöglichkeiten zur Auswahl: Zeitverzögerung der Foto-Aufnahmen um 3, 5 oder 10 Sekunden, Mehrfachaufnahme mit 3, 5 und 10 Bildern hintereinander und drei verschiedene Wahlmöglichkeiten für die Fluggeschwindigkeit.

Über den Punkt Gallery könnt ihr mit eurem Smartphone auf die aufgenommenen Bilder und Videos zugreifen und entweder auf dem Gerät speichern oder auch direkt mit anderen Apps teilen. Die Übertragung geht in Ordnung, benötigt aber ein paar Augenblicke. Wer die Aufnahmen direkt auf einen Mac oder Windows-Rechner befördern möchte, der kann dies mithilfe des MicroUSB-Kabels natürlich machen, hierzu muss die Drohne aber grundsätzlich eingeschaltet sein – anderenfalls meldet sie sich dem Rechner nicht als Kamera an. Bis dato ist der erste Eindruck der Drohne noch absolut okay, auch wenn die App optisch eher ein Autounfall ist.

Fliegen kann sie schonmal

Auch noch sehr spaßig: Das Starten der Drohne. Dazu müsst ihr die Drohne natürlich einschalten, euer Smartphone mit der App verbinden und den gewünschten Steuerungs-Modus auswählen. Nun legt ihr die Drohne mit der Kamera zu euch gerichtet (macht bei einer Selfie-Drohne natürlich am meisten Sinn) auf die flache Hand und streckt diese etwas aus. Per Wisch über die Schaltfläche „Schieben, um abzuheben“ werden die Rotoren gestartet und nun müsst ihr die Drohne nur noch in die Luft werfen. Aber nicht zu doll, denn sonst hängt die Drohne ein paar Meter über eurem Kopf und macht alles andere als Selfies.

Wollt ihr die Drohne landen lassen beziehungsweise ausschalten müsst ihr einfach die flache Hand unter die Drohne halten und schon landet sie sanft auf eurer Hand. Macht durchaus Laune und funktioniert überraschend einwandfrei, gleiches gilt auch für die Steuerung der Drohne, die recht flott auf Befehle reagiert. Vor allem die Neigungssteuerung im Selfie Motion Control Mode ist eine spaßige Angelegenheit und sorgt dafür, dass man sich während des Posens nicht all zu sehr auf die virtuellen Joysticks und Buttons konzentrieren muss.

Die Luftstabilität steht und fällt mit dem Wind. Bei Windstille ist die AirSelfie noch recht sicher in der Luft (zumindest scheinbar), sobald aber ein paar Luftzüge kommen, hat auch die AirSelfie zu kämpfen – ich hatte schon Angst, sie wird ins Niemandsland verweht. Hier zollen die kompakte Bauweise, das geringe Gewicht und der kleine Abstand der Rotoren zueinander ordentlich Tribut. Weiteres Problemkind der Konstruktion: der integrierte Akku, denn die 260 mAh lassen die Drohne laut Hersteller gerade einmal drei Minuten in der Luft – wobei ich maximal 2-2½ Minuten erreicht habe.

Aus diesem Grunde gibt es auch eine Powerbank, in die die Drohne bei Nichtbenutzung geschoben und aufgeladen werden kann. Rund eine Stunde Flugzeit soll das Akkucase liefern, kostet allerdings 90 Euro. Die geringe Flugzeit mitsamt Akkucase wäre aber auch gar nicht das Problem, immerhin ist die Drohne ein Ersatz fürs Deppenzepter: Drohne herausholen, starten lassen, Foto machen und zurück ins Case. Problem: Zunächst muss die fliegende Drohne für das Motiv ausgerichtet werden, dann muss noch die gewünschte Pose dargestellt werden, was bei einer größeren Gruppe manchmal gar nicht so schnell erledigt ist – daher sollte man die schon vor dem Start einnehmen.

Weiteres Problem: Sind die zwei bis drei Minuten Flugzeit einmal leergesaugt, benötigt der Akku sage und schreibe 30 bis 40 Minuten, um wieder vollständig genesen zu sein. In Zeiten von Quick Charge und Co. mutet das schon wie aus den 80ern an. In meinen Augen völliger Mumpitz.

Die Bildqualität ¯\_(ツ)_/¯

Mit dem Wort Mumpitz hörte der letzte Absatz auf, mit dem Wort Mumpitz geht der nächste Absatz weiter. Die Kamera der AirSelfie löst wie gesagt mit rund fünf Megapixeln auf, was in heutiger Zeit gar nicht mal so viel ist. Für den Selfie-Zweck können 5 MP aber trotzdem ausreichend sein, wenn man mal bedenkt, dass noch die Frontkamera des iPhone 6s die gleiche Auflösung bot und die Bilder durchaus zu gebrauchen sind. Keine Hochglanz-Landschaftsaufnahmen, für Selfies und Facebook, Instagram und Co. aber in Ordnung. Meine Erwartungen an die Kamera knüpften ungefähr dort an, allerdings wurden sie ungefähr so gut getroffen, wie Uli Hoeneß das Tor im WM-Finale 1976. Tipp: Rechtsklick und „In neuem Fenster öffnen“ öffnet die Bilder in voller Auflösung und unbearbeitet.

Ja, die Bildqualität ist schlecht. Könnte natürlich daran liegen, dass die Kamera trotz versprochener digitaler Bildstabilisation und den Sensoren bei kleinsten Windböen unruhig wird. Tut es aber nicht. Denn auch bei nahezu Windstille und in geschlossenen Räumen ist die Bildqualität schlecht. Auch bei guten Lichtverhältnissen – die übrigens so etwas wie die Minimalvoraussetzung darstellen, denn auf einen LED-Blitz muss man bei Aufnahmen mit der AirSelfie-Drohne verzichten. Unscharfe Bildaufnahmen, keine Details, wenig Kontraste. Sind die Bilder nicht verwackelt reichen die Aufnahmen lediglich für Facebook und Instagram. Aber: Kommt noch Wind hinzu, reichen sie höchstens für WhatsApp Stories, denn Oma Inge und Opa Heiner feiern ja eh alles von euch.

Die Videoaufnahme? Erfolgt in 1080p bei 30fps und ist merkwürdigerweise halbwegs in Ordnung, wenn man nur einmal auf die Qualität schaut. Aufgrund der schlechten Luftstabilität und einem fehlenden Gimbal sind die Videos natürlich unruhig ohne Ende und wollen so lieber nicht gesehen werden. Gilt übrigens auch für Indoor-Videos, scheinbar ist die Stabilität auch Indoor nicht wirklich gegeben, auch wenn es rein vom Auge her durchaus der Fall ist. Tja, machste nichts.

Fazit: Das Deppenzepter freut sich

Was soll man nun noch für ein Fazit ziehen? Zugeben: Die Drohne schaut meiner Meinung nach ganz hübsch aus, besitzt ein hochwertiges Aluminium-Gehäuse und ist wirklich gut verarbeitet. Auch die Bedienung der Drohne (vor allem Start und Landung) mit der offiziellen AirSelfie-App geht ist in Ordnung, lediglich die UI der App könnte ein komplettes Makeover spendier bekommen. Aber das bringt alles nichts, wenn die Drohne nicht liefern kann – letztlich eine Folge der Konstruktion und dem Design der AirSelfie-Drohne.

Mit der geringen Flugzeit von zwei bis zweieinhalb Minuten könnte man sicherlich leben und sich arrangieren, aber die extrem lange Ladedauer von über 30 Minuten und noch mehr die grottige Luftstabilität und die damit schlechten Video- und Bildaufnahmen reißen den Spaß dermaßen herunter, da ist sogar die SPD neidisch. Nee sorry: Macht keinen Spaß. Vor allem wenn man bedenkt, dass für die AirSelfie mitsamt des Powebank-Case knapp 300 Euro aufgerufen werden. Solltet ihr Interesse an der Selfie-Drohne haben: Lasst es. Von Herzen.

Die AirSelfie E03 wurde mir von GearBest als Textexemplar zur Verfügung gestellt. Mehr Infos

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