Apple AirTag im Kurztest: Was der Dinge-Finder von Apple kann – und was nicht

Marcel Am 01.05.2021 veröffentlicht Lesezeit etwa 8:24 Minuten

Lange mussten die Spatzen von den Dächern pfeifen, nun hat Apple seine AirTags benannten Dinge-Finder auf den Markt gebracht. Ob man die Einführung aufgrund technischer Schwierigkeiten immer wieder wie auch bei der letztlich eingestellten AirPower verschieben musste oder die Gerüchteküche einfach immer nur sehr früh dran war – letztlich egal. Mit den AirTags steigt Apple in einen Markt ein, der schon von dem ein oder anderen Hersteller beackert wird. Der bekannteste ist sicherlich US-Hersteller Tile, aus China konnte sich Nut einen Namen machen und auch Gigaset hat mit dem keeper einen Bluetooth-Tracker im Angebot – darüber hinaus gibt es noch zig weitere Tracker aus China. Nun also mischt auch Apple in diesem Markt mit, den ich zumindest hierzulande noch eher als Nische bezeichnen würde. Und eben jene Nische war in der Vergangenheit der Hauptgrund, weswegen ich trotz funktionierender Technik Abstand von den genannten Trackern gehalten habe. Ein Problem, dass die AirTags nicht haben. Mehr dazu erfahrt ihr im nun folgenden Text mit meinen ersten Erfahrungen rund um den Apple AirTag.

Großes weißes Mentos

Der AirTag ist eher ein Statement zur Schlichtheit. Mit seinen 32 Millimetern Durchmesser ist er gerade einmal größer als ein Zwei-Euro-Stück, die 11 Gramm fallen bei wohl keinem zu findenden Gadget ins Gewicht. Der AirTag besteht aus zwei Komponenten: Einer weißen Kunststoffschale (die sich kostenlos bei Apple gravieren lässt) und einer kleinen Edelstahlplatte. Beides zieht Kratzer förmlich an, ihr solltet also nicht davon ausgehen, dass die AirTags bei Mitführen nach einigen Wochen noch wie neu aussehen. Per flottem Dreh lassen sich die beiden Gehäusehälften trennen und geben einen Blick auf die Innereien frei: Einer CR2032-Knopfzelle, die bis zu einem Jahr halten soll, sowie die eigentliche Technik. Apple verbaut nicht nur einen einfachen Bluetooth-Chip, sondern setzt auf den U1-Chip aus eigenem Hause. Dank der Ultrabreitband-Kompabilität erlaubt der Tracker ein Auffinden der Tracker bis in den Bereich von wenigen Zentimetern- Kennt man ja beispielsweise von den AirPods, ist aber wahrlich keine Apple-Erfindung.

Trotz der Möglichkeit des Batteriewechsels (für Apple-Nutzer eine ganz neue Erfahrung ;-)) ist der AirTag nach IP67 zertifiziert. Heißt also, dass das Gehäuse vor Staub geschützt ist und auch zeitweiliges Untertauchen in bis zu einem Meter ohne Schäden möglich ist. Mehr spannendes gibt es am Gerät selbst nichts zu finden, wer den Tracker nicht nur im Rucksack oder in der Geldbörse dabei haben, sondern auch am Schlüsselbund befestigen möchte, der muss auf Zubehör setzen. Apple bietet hier natürlich einen entsprechenden Reigen an, die mit Preisen ab 39 Euro aber teuerer sind als die Tracker selbst. Allerdings gibt es bereits von Zubehörherstellern wie zum Beispiel Belkin günstigere Alternativen und auf Amazon dürfte der geneigte Nutzer bald von China-Produktionen für die verschiedensten Befestigungsmöglichkeiten überlaufen werden. Und Nutzer mit einem 3D-Drucker zuhause finden ebenfalls bereits duzende verschiedene Anhänger.

Einrichtung & Software

Die AirTags lassen sich mit wenigen Schritten in die bestehende „Wo ist?“-App integrieren. Das ganze ist zwar im beiliegenden Heftchen beschrieben, allerdings ganz Apple-Like völlig easy. Sobald ihr den jungfräulichen AirTag in die Nähe des iPhones bringt (iOS 14.5 vorausgesetzt), erkennt das Smartphone den Tracker und bietet euch die Einrichtung an. Diese besteht aus zwei wenigen Schritten: Zunächst wird der AirTag mit eurer Apple-ID gekoppelt (zu den Gründen dazu komme weiter unten, Stichwort Kopplungssperre) und anschließend mit einem passenden Namen versehen – beispielsweise Rucksack, Schlüsselbund, Geldbörse oder ähnlichem, auch eigene Bezeichnungen sind glücklicherweise möglich. Und dann ist der Spaß auch tatsächlich schon erledigt und der Gegenstand (oder besser gesagt der entsprechende AirTag) lässt sich auf all euren Geräten über die „Wo ist?“-App auffinden – die ist ja inzwischen nicht nur auf dem iPhone und iPad heimisch, sondern auch auf dem Mac angekommen.

Habt ihr den Gegenstand in euren heimischen vier Wänden verlegt, könnt ihr diesen nun ganz einfach wiederfinden, wozu euch die App zwei verschiedene Möglichkeiten an die Hand gibt. Zum einen könnt ihr einen Ton auf dem AirTag wiedergeben lassen (auch per Siri-Zuruf „Hey Siri, finde meinen Schlüssel“). Dieser ist nicht sonderlich laut, durch die Frequenz und der gegebenen Nähe reicht dies aber oftmals, um den Gegenstand wieder in die Hände zu bekommen. Hilft der Ton nicht, könnt ihr die Möglichkeiten des Ultrabreitband-Chips nutzen und anzeigen lassen, wo sich der AirTag befindet – quasi ein digitales Topfschlagen. Die Richtungsangabe funktioniert in meinem Selbsttest bei ein paar Meter Abstand zuverlässig, sobald aber eine Wand dazwischen ist, verliert das iPhone die Verbindung. Wie schmerzhaft diese Tatsache nun ist, muss jeder für sich entscheiden – in meinem Falle ist dies annehmbar, auch wenn ich persönlich mit mehr gerechnet hätte.

AirTag verloren – und nun?

Das Auffinden der Gegenstände in den heimischen vier Wänden ist nett, für mich persönlich aber kein Grund, einen derartigen Tracker zu nutzen. Viel interessanter ist das Finden von wirklich vergessenen oder verlorenen Gegenständen. In einem solchen Fall ist es grundsätzlich so, dass sich euer iPhone merkt, an welchem Ort die Verbindung zum AirTag verloren ging und zeigt diesen in der „Wo ist?“-App an. Bei einem Verlust im Freien kann man sich so also einfach zum besagten Ort navigieren lassen und kann den verloreneren Gegenstand recht zügig wieder in den Händen halten. Nicht immer aber ist das ganze so einfach, zum Beispiel wenn der verlorenen Gegenstand zwischenzeitlich bewegt wurde – beispielsweise wenn man den Rucksack im Zug vergisst oder Gegenstand XY vom Wind oder anderen Begebenheiten vom eigentlichen Ort des Verlustes wegbewegt wird. Und genau hier kommt nun die Stärke des Apple-Netzwerkes in Spiel.

Ist ein Gegenstand tatsächlich verloren gegangen, könnt ihr für den AirTag den Verloren-Modus aktivieren. Dieser sorgt zunächst einmal für eine Kopplungssperre des AirTags, die vergleichbar mit der Aktivierungssperre der iPhones ist: Findet jemand einen mit eurer Apple ID verknüpften AirTag, so kann er diesen nicht an sich nehmen und selbst verwenden. Auch könnt ihr eine Nachricht und Rufnummer für den ehrlichen Finder hinterlassen, der den AirTag dann nur noch an ein Smartphone mit NFC-Unterstützung halten muss, woraufhin sich eine Apple-Webseite öffnet, auf welcher Nachricht und Rufnummer angezeigt werden. Klaro: Setzt – wie immer bei verlorenen Gegenständen – einen ehrlichen Finder voraus und natürlich auch, dass der von euch verlorene oder vergessene Gegenstand aktiv gefunden wird. Hierbei soll helfen, dass sich der AirTag nach drei Tagen ohne Nähe zu eurem iPhone damit beginnt, einen Ton abzuspielen.

Schafft es der AirTag hingegen nicht, sich akustisch oder visuell bemerkbar zu machen, dann kommt die doch recht rege Verbreitung an iPhones zur Hilfe. Denn sobald sich euer iPhone nicht mehr in der unmittelbaren Nähe befindet, sendet der AirTag ein verschlüsseltes Bluetooth-Signal aus, welches wiederum von anderen iPhones in der Nähe aufgriffen und der Standort an die iCloud übertragen wird. Dies geschieht in beide Richtungen verschlüsselt und anonym – nur der eigentliche AirTag-Besitzer kann den Standort sehen und erfährt wiederum nichts über das iPhone des Besitzers. Die Idee der „Schwarmintelligenz“ ist nabsolut nicht neu und wird von diversen Herstellern bereits seit Jahren genutzt. Aber: Die Wahrscheinlichkeit, dass zeitnah eine Person mit aktiven Diensten von Tile, Nut oder sonst wem um die Ecke kommt, ist doch eher gering. Vor allem an gut besuchten Orten dürfte sich hingegen recht schnell ein iPhone finden, welches den AirTag orten kann. Genau diese vergleichsweise breite Nutzerzahl ist die Stärke des „Wo ist?“-Netzwerks und der AirTags. Und ja: Das funktioniert tatsächlich.

Stalk. Mich. Nicht.

So nützlich Bluetooth-Tracker sein können, so groß sind auch die Möglichkeiten des Missbrauchs, denn es wäre ein leichtes, einer anderen Person unbemerkt solch einen Tracker zuzustecken. Diesbezüglich hat sich Apple ebenfalls ein paar Gedanken gemacht und verschiedene Lösungen entwickelt – entweder für Nutzer eines iPhones oder eines Android-Smartphones (oder auch keinem Gerät). Erwartungsgemäß sind die Vorkehrungen für iPhone-Nutzer deutlich ausgefeilter: Ist ein AirTag für eine gewisse Zeit vom Besitzer getrennt und folgt einem anderen Nutzer, so erhält dieser eine Benachrichtigung auf seinem iPhone, die ihn darüber aufklärt, dass sich ein fremder AirTag mitbewegt. Handelt es sich hierbei um ausgeliehene Gegenstände, können diese Sicherheitshinweise einen Tag lang deaktiviert werden – wenn es sich bei dem Verleihenden um ein Mitglied aus der Familienfreigabegruppe handelt, ist das auch auf unbestimmte Zeit möglich.

Anders sieht die Sache hingegen aus, wenn der Verfolgte mit einem Android-Smartphone unterwegs ist. In diesem Fall erfährt er erst nach drei Tagen, dass er vermutlich unbewusst getreckt wurde – indem sich der AirTag eben wie bereits oben beschrieben akustisch meldet. Drei Tage können lang sein, mal schauen ob Apple hier in Zukunft noch etwas nachjustiert, sofern die AirTags überhaupt Firmware-Updates erlauben. Denn auch im Falle eines Verlustes sind die drei Tage recht lang anmutend, da wäre eine 24-Stunden-Frist ebenso von Vorteil. Ob diese Sache so dramatisch ist? Denke ich weniger. Ja, ich glaube tatsächlich, dass mit solchen Dingen Unfug getrieben werden kann. Legt man es aber wirklich drauf an, dann findet man auf dem Markt eine Vielzahl an ebenfalls kompakten Trackern, die dank einzulegender SIM-Karte völlig autonom arbeiten und eine Verfolgung in Echtzeit ermöglichen. Denn dazu sind Dinge-Finder weder gedacht noch konzipiert.

tl;dr und Fazit

Der AirTag kommt sehr schlicht daher und ist ausreichend kompakt, um ihn in oder an diverse Gegenstände zu packen. Ja, für den Schlüsselbund und dergleichen ist ein zusätzliches Accessoire notwendig, welches sich Apple vergleichsweise teuer bezahlen lässt – es finden sich zukünftig aber sicherlich günstige Alternativen auf Amazon, AliExpress und Co. für die verschiedensten Anwendungszwecke. Mal schauen, ob Apple mit folgenden Generationen noch kompaktere (für mich persönlich gerne dünnere) Versionen auf den Markt bringt, denn beispielsweise bei Nutzung eines Slim Wallets wie The Ridge oder das Aviator Wallet trägt ein AirTag schon recht deutlich auf. Aber: Nutzer eines solchen dürften eher die Minderheit sein, noch sind klassische Geldbörsen deutlich verbreiteter und da dürfte sich Platz im Münzfach finden lassen. Die Einrichtung eines AirTag ist unproblematisch und mit kleinen Abzügen in der B-Note bezüglich der Reichweite lässt sich ein AirTag tatsächlich bis auf wenige Zentimeter genau auffinden.

Geht ein Gegenstand tatsächlich mal verloren, könnt ihr euch zu dem letzten Bekannten Ort navigieren lassen. Anderenfalls macht er nach spätestens drei Tagen akustisch auf sich aufmerksam. Gerät der AirTag dann in die Hände eines ehrlichen Finders, kann er diesen einfach an ein Smartphone mit NFC-Chip halten und eine von euch hinterlegte Nachricht und Rufnummer sehen. Aber auch ohne einen Finder ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ihr ziemlich zeitnah über einen Standort informiert werdet, denn jedes iPhone in der Nähe dient passiv als Ortungsgerät – unter Berücksichtigung des beidseitigem Datenschutzes. Etwas, was Tile und Co. bereits seit Jahren bieten, mangels breiten Nutzerschicht aber ohne die benötigte Effektivität. Zukünftig könnten andere Hersteller ebenfalls auf die Nutzung des „Wo ist?“-Netzwerks zurückgreifen, bisher ist mir aber nur der E-Bike-Hersteller Vanmoof bekannt. Seitens Tile stört man sich daran, dass man sich das Finder-Netzwerk nicht mehr mit einem Abo bezahlen lassen könnte.

Schützt ein AirTag vor einem Diebstahl? Mitnichten. Auch schützt er nicht davor, dass ein Finder sich selbst am Fund bedient und ebenso wenig ist er als Echtzeit-Tracker konzipiert. Es ist eben ein eher simples Gadget, dass die Wahrscheinlichkeit erhöhen soll, außerhalb der eigenen vier Wände verlorene Gegenstände wiederzubekommen. Wer schon einmal Schlüssel, Geldbörse oder etwas anderes unwiederbringlich verloren hat, der kennt den Stress und die Kosten, die mit der Wiederbeschaffung verbunden sind. Da sind die für Apple’sche Verhältnisse günstigen 35 Euro für einen einzelnen Tracker (oder 119 Euro für einen Viererpack) gut angelegt – sieht man mal von den China-Dingern ab, liegen andere Hersteller in ähnlicher Preisklasse. Haue ich mir nun nicht an jegliche bewegliche Dinge, der ein oder andere AirTag wird aber sicherlich zum Einsatz kommen. Letztlich wie auch bei Versicherungen: Ist der Notfall eingetreten, ist man froh sie zu haben…

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