[Wirre Gedanken] Über das 16 GB iPhone und die Copycat Apple

Am 10.09.2015 veröffentlicht Lesezeit etwa 6:52 Minuten

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Betrachtet man einmal die Meinungen und Kommentare zur Apple-Keynote am gestrigen Abend, dann bekommt man nicht durch­gehend positive Kritik zu hören, sondern auch negative. Kein Problem, wäre diese wirklich objektiv – statt­dessen gibt es aber polemische Hirnaus­güsse, die zwar in ihrem Titel korrekt sind, aber bei denen man auch nicht weiter über eben diesen nachge­dacht hat. Zwei Kritik­punkte sind mir dabei besonders aufge­fallen: Zum einen die Vorstellung der 4K-Video­auf­nahme mitsamt eines iPhone 6s mit 16 GB, zum anderen die „Copycat Apple“. 

Fangen wir einmal mit dem 16-GB-iPhone an, den dieser Punkt dürfte sich schneller abhaken lassen. iOS selbst, ein paar Apps, etwas Musik, etliche Fotos und ein paar Videos. Schon ist der interne Speicher mit seinen 16 GB voll. Und nun bringt Apple auch noch eine Video­auf­nahme mit 4K – ein Video, Speicher voll. Ja, 16 GB sind nicht mehr zeitgemäß. Ja, 16 GB sind wenig. Und ja, das weiß auch Apple. Es wäre bei den derzei­tigen Margen ein leichtes für Apple, die Version mit 16 GB durch eine Einstiegs­version mit 32 GB zu ersetzen – würde die Kalku­lation ohne Wenn und Aber erlauben, ziemlich sicher. Wieso man dies aber eben nicht macht? Reine Verlaufs­psy­cho­logie. 32 GB dürfte für viele Nutzer passend sein – 16 GB ist für etliche zu wenig, 64 GB zu viel. 

iphone6spluspreise

Nun also kommt Apple daher und verdoppelt den Speicher der beiden teureren Modelle, während es bei der kleinsten Größe bei 16 GB bleibt. Die Folge: die meisten Käufer schnappen sich die 64 GB. 4-facher Speicher, für einen Hunni mehr – und das ohne, dass Apple den Einstiegs­preis erhöht hat. Das 16 GB iPhone dient also lediglich des Anreizes, mehr Geld auszu­geben. In Wirklichkeit hat sich Apple aber bereits mit Einführung des iPhone 6s (Plus) von dem Dreier­ge­spann verab­schiedet. Hätte aber für ordentlich Trara gesorgt, das „kleinste“ iPhone wird 100 Euro teurer, so aber greifen die Käufer „freiwillig“ tiefer in die Tasche. 

Ein weiterer Punkt: Apple klaut und kopiert, wo es nur geht. Und ja: Genau das macht Apple. Genau das macht Apple aber schon seit Jahrzehnten. Und genau das machen auch andere Unter­nehmen seit Jahrzehnten und länger. „Besser gut geklaut, als schlecht selbst gemacht“ – da ist was dran und genau das sieht man auch an dem meiner Meinung nach bestem Beispiel, welches gar nicht mal so alt ist. Huawei hat kürzlich das Mate S vorge­stellt. Ein tolles Gerät, keine Frage. Mit Force­Touch. Jener Techno­logie, die Apple mit der Apple Watch „einge­führt“ oder besser gesagt, bekannt gemacht hat. Doof nur, dass Huawei zwei Fehler gemacht hat: Zum einen ist Force­Touch nur in einer Premium-Version des Mate S vorhanden – und wann diese erscheint, dazu gab es nur mickrige Andeu­tungen.

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Bildquelle: Engadget

Der zweite, viel größere Fehler: Man hat zwar eine kurze Demo gezeigt, in der das Smart­phone als Waage herhalten konnte, mehr aber auch nicht. Warum? Weil man selbst nicht wusste, was man damit nun so wirklich machen sollte. „Schickt uns eure Ideen, was man mit Force­Touch so machen kann“ – das war die Aussage von Huawei. Und Apple? Die bringen Force­Touch 3D Touch ins iPhone 6s (Plus), integrieren das neue Feature aber direkt tief in iOS 9 und bieten Entwicklern ein SDK für die Nutzung des Features an. Klar, die darge­bo­tenen Funktionen sind nicht neu und hätten sich sicherlich auch irgendwie ohne verschiedene Druck­stärken integrieren lassen (Stichwort: Druck­länge), dennoch ist dies ein aktuelles Beispiel dafür, dass Apple bei neuen Features einfach einen Schritt weiter denkt. 

appletv4Und dann gibt es da ja auch noch die Apple Wii – ähm, den Apple TV 4. Auch hier kann man nicht leugnen, dass die Idee der Bewegungsteuerung von der Wii stammt, mit der Nintendo ohne Zweifel dicke Erfolge einfahren konnte, auch wenn sich der Nachfolger in Form der Wii U eher schleppend verkauft. Insgesamt ist am Apple TV nichts revolu­tio­näres und nichts, was nicht auf der FireTV könnte. „Könnte“ – ganz bewusst „könnte“. Der riesen große Unter­schied: Apple hat mit dem SDK für das tvOS einen riesigen Schritt gemacht und weiß die Entwickler hinter sich. Jede Wette: Bereits jetzt, ein paar Stunden nach der Veröf­fent­li­chung des Entwickler-Kits, werden mehr und hochwer­tigere Apps entwi­ckelt, als sie der FireTV bei Veröf­fent­li­chung des Apple TV 4 besitzt. 

Und mit diesem Wissen kann Apple das Gaming-Feature mit breiter Brust vorstellen. Kleine Games mit einfacher Steuerung und Grafik, ich glaube, mit dieser Kategorie, den sogenannten Casual Games, wird man ordentlich Nutzer einfangen. Idee nicht neu, sondern neu aufgelegt. Das, woran Nintendo mit der Wii U gescheitert ist, nämlich den Erfolg der Wii zu wieder­holen, wird Apple mit dem neuen Apple TV ziemlich sicher schaffen. Nicht, weil der Apple TV technisch so viel stärker ist, als die Wii U. Sondern weil man eine Menge (Spiele-)Entwickler hinter sich weiß, die sich sicherlich nicht lange bitten lassen – funktio­nierte ja schließlich auch unter iOS. 

ipadprosmartcoverDer letzte vorletzte Punkt: das iSurface – ähm, iPad Pro. Technisch nur ein vergrö­ßertes iPad Air, welches mit einer Tasta­tur­hülle und einem Stift ausge­stattet werden kann. Also quasi das, was das Surface von Microsoft ausmacht. Geklaut? Mitnichten, denn immerhin gab es auch schon vor dem Surface bereits entspre­chende Tasta­tur­hüllen und Stifte sind alles andere als neu. Aber gut: betrachtet man das Zubehör als eine Geräte­ka­te­gorie, so gibt es eigentlich nur das Surface. Apple kopiert hier also ein erfolg­reiches Gerät. Oh, moment. Sagte ich „erfolg­reich“? Damit meinte ich das iPad Pro. Ich glaube es wird nicht lange dauern, bis das iPad Pro das Surface in Sachen Verkäufen an die Wand gespielt hat – vielleicht sogar schon mit den Vorbe­stel­lungen.

Der Grund ist einfach: „Vertrauen“. Das iPad ist bereits bekannt, die Qualität ebenso. Für mich DAS Tablet für Consumer – schaut euch alleine mal die Qualität der iPad-Apps gegen Android-Tablet-Apps an. Und mit dem iPad Pro hat Apple die Consu­mer­schiene zwar nicht gänzlich sein lassen, aber um einen dicken, produk­tiven Faktor erweitert: einer dazuge­hö­rigen Tastatur und einen Stift. Preislich liegen wir bei iPad Pro (32 GB) und Tastatur bei zusammen 968 Euro. Was kostet ein MacBook Air mit 13 Zoll? Preislich kein Unter­schied mehr, weswegen das iPad Pro das MBA mittel­fristig auch ersetzen wird. 

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Der sprin­gende Punkt ist einfach: Mir persönlich würden ein paar klassische Mac-Apps fehlen, ebenso die schnelle Bedienung per Maus und Desktop. Anderen sicherlich auch, für die Mehrheit aber dürfte das, was das iPad Pro mit seiner Tastatur und dem Stift kann, völlig ausreichen. Web, Consumer-Gedöns, Office, fertig. Ich würde mich sogar soweit aus dem Fenster lehnen, dass für viele diese Kombi­nation derart ausrei­chend ist, dass auch die iMac-Verkäufe zurück­gehen. Wer am PC arbeitet, der wird etwas vermissen – für 95% der restlichen PC- und Notebook-Nutzer reicht das iPad Pro aber locker aus. 

Und dass die Marke „iPad“ überpro­por­tional mehr zieht als die Marke „Surface“ ist sicherlich unbestritten. Fragt mal in der Stadt 100 Leute, wer das iPad und wer das Surface kennt. Genau das weiß auch Microsoft, sonst hätten sie sich sicherlich nicht dazu breit­schlagen lassen, auf einem Apple-Event von ihnen „geklaute“ Ideen zu pushen und vorzu­stellen.

Aber nicht nur die privaten Nutzer will Apple mit dem iPad Pro ins Boot holen, sondern auch Unter­nehmen. Gut, für umfang­reiche Analy­se­tools und ähnliche Spezial-Anwen­dungen fehlen (noch?) die entspre­chenden Anwen­dungen für iOS. Aber für den „einfachen“ Außen­dienstler, für Produk­ti­ons­leiter, im Krankenhaus? Da reicht ein iPad Pro locker aus – bereits jetzt rennen viele nur noch mit einem iPad (Air) herum. 

ipadprostiftZuletzt noch ein paar Worte zu dem Apple Pencil: Stifte sind nicht neu und auch mir liegt noch das „Niemand möchte einen Stylus nutzen“ von Steve Jobs in den Ohren. Wann war das? 2007. Wie sahen Smart­phones damals aus? Richtig: Dick, klobig, mit Stift auf einem nur druck­sen­si­tiven, monochromen Pixel-Display – und Windows Mobile. Der Stylus und die Art, wie man das Smart­phone bediente, war einer der Gründe, wieso der Erfolg ausblieb – und erst mit dem iPhone einsetzte. Ich kann mich noch an mein HTC Neo erinnern, welches Monate nach der iPhone-Vorstellung eine UI erhielt, die zwar noch immer grausam war, sich aber etwas besser mit dem Finger bedienen ließ – und andere zogen nach. 

Damals wollte niemand einen Stylus. Aller­dings hat sich die Art und Weise, wie wir Smart­phones und vor allem die damals noch weit entfernten Consumer-Tablets nutzen, in den letzten Jahren massiv geändert. Produk­tives Arbeiten? Daran hat vor 5…6…7 Jahren noch niemand gedacht. Dies sieht nun anders aus und der Stylus hat wieder Einzug in die Tech-Welt gefunden. „Unter­schätze niemals die Flexi­bi­lität des klassi­schen Papiers“ – da ist was dran, denn in Vorle­sungen habe ich schneller Notizen mit Stift und Papier gemacht, als am Notebook oder iPad, vor allem auf bereits bestehende Skripte. Ein Punkt, den Samsung mit dem Note bereits gut aufge­fasst hat und in dem Apple nun nachge­zogen ist – für ein produk­ti­veres Arbeiten mit dem iPad Pro und dafür, dass das MBA langsam verschwinden kann. 

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Man sah an der gestrigen Keynote ganz gut: Apple klaut, ebenso wie es andere Unter­nehmen machen. So geht nun einmal techni­scher Fortschritt. Egal ob iPhone, MacBook Air, iPad, iPad Pro oder was auch immer: Man hat immer schon bestehende Techno­logie aufge­griffen. Aller­dings denkt Apple hierbei häufig (nicht immer, aber meistens) einen Schritt weiter, denkt die Ideen näher bis ans Ende. Nicht umsonst haben diese Geräte­ka­te­gorien auch immer erst nach Apples Auftreten einen gehörigen Zug bekommen: Nach dem iPhone kamen die „wirklichen“ Smart­phones, auf das MBA reagierten Hersteller mit den „Ultra­books“, das iPad läutete eine neue Ära der Tablets ein (sorry, aber die 10kg-Tablets mit unange­passtem Windows 2000 wollte doch zu recht nie jemand). 

Und so wird es auch mit der iWii und dem iSurface sein. Erfolg war nie eine Frage dessen, wann etwas auf den Markt kommt. Sondern eher, wie es verkauft wird, wie es umgesetzt wird – und was die Nutzer davon haben. In der Frage „VHS vs. Betamax“ waren es die Pornos, bei Apple sind es die Entwickler – und der richtige Zeitpunkt.