Dobot Rigiet im Test: 3-Achsen-Gimbal für stabilisierte Smartphone-Videos 📱

Marcel Am 14.07.2018 veröffentlicht Lesezeit etwa 8:46 Minuten

Smartphones haben die guten alten Kompaktkameras und Camcorder schon seit langem vom Markt verdrängt, denn wie heißt es doch so schön: „Die beste Kamera ist die, die man dabei hat“ – und das Smartphone ist so gut wie immer dabei. In Sachen Videoqualität haben sich die Hersteller (wie auch bei der reinen Bildqualität) in den letzten Jahren fast mit jeder neuen Gerätegeneration überschlagen, Videoaufnahmen mit 4K und 60 oder weit mehr Bildern pro Sekunde sind keine Seltenheit mehr. Große Differenzen tun sich allerdings beim optischen Bildstabilisator auf, den wenn überhaupt nur aktuelle Topmodelle auch für Videos besitzen. Und selbst dann heißt das nicht, dass Videos wirklich ruhig und ohne Wackler daherkommen.

Aus diesem Grunde erfreuen sich Smartphone-Gimbals seit einigen Monaten bis Jahren einer steigenden Beliebtheit. Diese Halterungen verfügen über eine Art Elektromotor, mit dem unerwünschte Bewegungen nahezu komplett beseitigt werden. Beispielsweise lässt sich so ein Auf- und Abschwenken beim Laufen verhindern und Panoramaschwenks ohne eine „Störung“ aufnehmen. Vor allem für (semi-)professionelle und ambitioniertere Privatfilmer ist ein Smartphone-Gimbal ein äußerst praktisches Gadget. Ein solches ist zum Beispiel das Dobot Rigiet, welches im vergangenen Jahr via Kickstarter finanziert wurde und den prominenten Herstellern wie DJI oder Feiyu einheizen möchte.

Das Dobot Rigiet ausgepackt

Geöffnet gibt die Box zunächst den Ausblick auf eine gepolsterte Trage- und Transporttasche mit optionaler Schlaufe frei, darüber hinaus finden sich im Karton auch noch ein MikroUSB-Kabel zum Laden des integrierten Akkus, sowie eine eine anschraubbare Handschlaufe für das Gimbal und Adapter zur Befestigung einer GoPro-Kamera. Der Akku ist im übrigen wechselbar und ein handelsüblicher 18650-Akku. Vor allem die gepolsterte und verstärkte Aufbewahrungstasche ist eine nette Sache, denn so ist das empfindliche Gimbal nicht nur zuhause geschützt, sondern kann auch unterwegs sicher vor Schlägen und Stößen transportiert werden. Macht jedenfalls einen qualitativ guten Eindruck, auch wenn diese natürlich – um genug „Luft“ zu haben – recht klobig ausfällt. Möchte man unterwegs nicht noch extra einen Rucksack mitnehmen, lässt sich das Case auch mit einem Trageriemen versehen.

Im Inneren des Case findet sich dann der eigentliche Gegenstand, das Rigiet. Dieses besteht zu weiten Teilen aus Aluminium, lediglich am Griff hat man rund um die Bedienelemente herum Plastik zum Einsatz gebracht. Wirkt in meinen Augen aber nicht billig, auch wenn ich das Aluminium durchgehend verbaut hätte – ist aber Geschmacksache. Die eigentliche Verarbeitung ist durchweg sauber und ordentlich, man findet keine unerwünschten Spaltmaße oder andere Schwächen; auch die Druckpunkte und Bedienung der Schalter ist sauber. Einziger kleiner Kritikpunkt: Der untere Teil des Griffs ist mit einer gummiartigen Oberfläche versehen, die für meine Augen ein Stück länger und griffiger hätte sein dürfen. Mit seinen rund 480 Gramm liegt der Gimbal auch mit Smartphone auch ganz gut in der Hand.

Der USB-Anschluss am Rigiet liegt offen, der Gimbal ist also nicht spritzwassergeschützt, eine Verwendung im Regen sollte man also vermeiden. Oben findet man alle drei Achsen und die Smartphone-Halterung vor. Das Smartphone wird einfach eingespannt, dank Gummielemente ist das es etwas vor Kratzern geschützt. Es passen Smartphones mit einer Breite von 5,6 bis 8,5 cm und einer Länge bis zu 15,24 cm, die Dicke sollte 0,9 cm nicht überschreiten. Auch beim Gewicht ist man mit maximalen 260 Gramm gut bedient, je nach Modell kann man also auch schonmal die Hülle dran lassen. Wer den Gimbal mit einem Stativ verwenden möchte: Das Rigiet besitzt ein übliches Schraubengewinde ¼ Zoll, welches unterhalb der Achsen untergebracht. Kleine Tischstative fallen also schonmal raus, ein Gewinde am unteren Ende des Griffes wäre wohl die bessere Wahl gewesen.

Das Ausbalancieren des Smartphones

Was man immer vermeiden sollte: Ein Einschalten des Gimbal, bevor das Smartphone eingeklemmt und richtig ausbalanciert ist. Dann nämlich kann der Motor nicht richtig arbeiten und auf Dauer Schäden nehmen. Ein Gimbal ist äußerst empfindlich, daher nochmal der Rat, bei Nichtverwendung auf die Transporttasche zurückzugreifen. Das Ausbalancieren des Smartphones kann sich aber – gerade für Neulinge – schnell zu einer nervigen Geschichte entwickeln. Zunächst also wird das Smartphone in die Klemme gesteckt, die im Anschluss über ein rückseitiges Feststellrad auf die Abmessungen angezogen wird.

Nun haltet ihr den Gimbal am Griff und schaut erstmal, wie gut oder schlecht die Achsen bereits ausbalanciert sind. Aufpassen: Das Smartphone, bzw. die Achse, kann auch völlig umklappen und das Display schön gegen das Alu-Gestell donnern, also die Hand nie ganz wegziehen. Das kleine Drehrädchen an der Achse lösen und so ausziehen, dass das Gerät waagerecht stehen bleibt. Wie gesagt: Kann nervig werden, das Lösen und ruhige Festdrehen des Rädchen ist nichts für Grobmotoriker. Gute Nachricht: Hat man das einmal geschafft, muss man daran fast nie wieder etwas tun, solange man das Gerät nicht wechselt. Man muss das Gerät auch nicht auf den Millimeter genau perfekt ausbalancieren, sollte dies aber so gut wie möglich machen, um die Motoren zu entlasten und Akkuleistung zu sparen.

Die Bedienung ohne App

Ist das Smartphone dann im Gimbal ausbalanciert, könnt ihr dieses nun einschalten, indem man den Aufnahmetaster unterhalb des Joysticks rund zwei Sekunden gedrückt hält. Die Motoren arbeiten nun kurz und stabilisieren das Smartphone – fertig ist die Einrichtung. Dobot liefert zwar eine eigene App für iOS und Android, der Gimbal kann aber auch ohne diese genutzt werden. Ist bei einer GoPro sowieso nicht anders möglich, aber auch mit dem Smartphone lassen sich so beliebige Kamera-Apps nutzen – wenngleich die Dobot-App natürlich mit ein paar kleineren Schmankerln die Nutzer von sich überzeugen möchte.

Zur App aber gleich in einem gesonderten Absatz ein paar Worte und Screenshots, zunächst bleiben wir bei der grundsätzlichen Funktionalität des Dobot Rigiet. Im Betrieb stellt der Joystick das wichtigste Bedienelement dar, mit diesem lässt sich das Smartphone neigen und schwenken. Wichtig sind aber auch die beiden Schieberegler an der rechten Seite des Gimbal, mit denen sich die Art und Weise der Stabilisierung festlegen lässt. Ohne App ist aber erstmal nur der untere Slider interessant, dieser wechselt zwischen drei Modi:

  • YP (Vertikal- & Querachsen-Verfolgung): Im YP-Modus folgt der Gimbal den mit der Hand ausgeführten Schwenk- und Neigebewegungen. Die erste Wahl, wenn sich zum Beispiel ein Objektiv horizontal oder vertikal an euch vorbei bewegt.
  • Y (Vertikal-Verfolgung): Der Y-Modus sorgt dafür, dass das Smartphone keine Neigungen nach oben mitmacht, sondern lediglich horizontal bewegt wird. Auf diese Weise kann man beispielsweise um ein Objekt herumlaufen und die Kamera stabil auf einer Höhe halten. Oder aber für Aufnahmen von Objekten, die sich aufwärts oder seitwärts bewegen, aber keine Blickwinkelveränderungen benötigen.
  • L (Verriegelung): Das Smartphone soll komplett fixiert werden? Dann ist der L-Modus eure Wahl. Der Griff kann in alle Richtungen gedreht und geschenkt werden, ohne dass das Smartphone nachzieht. Durch die Motoren wird es immer in der Position gehalten. Klar sind Bewegungen nach oben und unten über die Hand-Armbewegung möglich, das Smartphone behält aber den Einstellungswinkel bei.

Über den Joystick lässt sich die Richtung je nach Modus schnell ändern, außerdem können die Achsen mit einem leichten Druck des Joysticks auch temporär gesperrt werden. Gerade die drei Modi sorgen zu Beginn für Irritationen. Neulinge sind wohl am besten beraten, wenn sie sich einmal nach dem Ausbalancieren eine halbe bis volle Stunde Zeit nehmen und munter mit dem Gimbal und den Modi herumspielen. Learning by Doing. Es ist eben nicht so, dass man das Smartphone einfach ansteckt, ausrichtet und schon erzielt man starke Aufnahmen. Ein wenig Gefühl für den richtigen Modi in der richtigen Situation hilft ungemein.

Mehr Möglichkeiten mit App

Rigiet
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Preis: Kostenlos
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Rigiet
Entwickler: Xengineer
Preis: Kostenlos

Wie bereits erwähnt: Der Gimbal lässt sich auch ohne die offizielle Rigiet-App nutzen, man muss allerdings mit ein paar Einschränkungen leben: Beispielsweise funktionieren der Aufnahmetaster und der Zoomschalter an der Seite nur im Zusammenspiel mit der App. Der Gimbal lässt sich nicht als einfacher Bluetooth-Auslöser mit dem Smartphone koppeln, wäre vielleicht noch etwas für zukünftige Firmware-Versionen. Aber: Grundsätzlich macht die Rigiet-App einen guten Eindruck, auch wenn eine Anpassung an das iPhone X (noch immer) fehlt und stellenweise die UI ein wenig größer ausfallen dürfte. Funktionell aber bringt sie eigentlich alle wichtigen Funktionen mit, zu umfangreiches á la Camera+ oder anderen vergleichbaren Apps darf man jedoch nicht erwarten.

Die Verbindung zum Gimbal erfolgt über das kleine Link-Icon im linken Teil des Bildes und funktioniert ohne Probleme. Die obere Reihe der Icons (beziehungsweise die rechte Seite, bei Verwendung im Landscape-Modus) beherbergt verschiedene Einstellungen: Spezifische Einstellungen für den jeweiligen Aufnahmemodus, manuelle Justierung von ISO-Wert, elektronischem Verschluss und Weißabgleich, Einblenden verschiedener Raster und Hilfslinien, sowie neun Live-Filter. Letztere lassen sich aber zumindest bei Videos nur nutzen, sofern die Frame per Seconds maximal 30 betragen. Darüber hinaus gibt es die üblichen Aufnahmemodi: Foto, Video, Zeitraffer, Bewegungszeitraffer und Zeitlupe. Kennt man alles, ist nichts neues.

Was wohl noch eine interessante Erwähnung ist, ist das Auto-Tracking, bei dem der Gimbal sich bewegende Objekte verfolgt. Aktiviert wird der Spaß über das zweite Icon in der Live-Preview, im Anschluss daran müsst ihr nur noch mit einem Wisch das Objekt markieren, schon kann es losgehen. Und für alle so genannten „Kreativen“ auf YouTube ganz interessant: Über die App lässt sich auch direkt live in beziehungsweise auf einen YouTube-Kanal streamen. Einzige nervige Sache an der App: Sie speichert Aufnahmen nicht sofort in eurem Aufnahmeordner, sondern ihr müsst diese erst manuell aus der App heraus in der Camera Roll speichern. Würde ich zwar nicht als K.O.-Punkt bezeichnen, aber auf Dauer ein wenig nervig. Ansonsten ist sie aber wie erwähnt solide, ohne allzu große Ausreißer nach oben oder unten.

Die Performance des Rigiet

Die große Frage ist natürlich noch offen: Wie gut funktioniert das Dobot Rigiet denn nun? Die kurze Antwort darauf: sehr gut. Natürlich kann das Rigiet wie auch andere Geräte seiner Klasse die Auf- und Abbewegung beim Gehen oder Laufen nicht zu 100% beseitigen, dazu wäre eine „echte“ Steadycam notwendig. Der Gimbal kann aber einen Großteil der Bewegungen auffangen, insgesamt wirken eure Aufnahmen auch bei Bewegung deutlich flüssiger und angenehmer. Steht ihr allerdings auf der Stelle und wollt lediglich ein Szenario filmisch festhalten oder bewegte Objekte verfolgen, dann erledigt der Gimbal seine Arbeit vorzüglich, sodass man auf dem Endprodukt so gut wie keinerlei unerwünschte Bewegungen mehr erkennen kann.

Darüber hinaus liefert der 18650-Akku rund drei Stunden Strom für den Gimbal. Praktisch ist diesbezüglich vor allem die Tatsache, dass auch während des laufenden Betriebs mit Strom, zum Beispiel von einer Powerbank, versorgt werden kann. Wollt ihr dann auch noch zeitgleich das Smartphone aufladen, ist das ebenfalls möglich, denn das Rigiet besitzt zwei MicroUSB-Stecker: einen an der linken Seite des Griffes, einen weiteren auf Höhe des Smartphones. Der zweite, obere Anschluss kann die Ladung zum Smartphone durchschleifen. Eigentlich clever gedacht, auch wenn ihr natürlich ein entsprechend kurzes USB-Kabel haben solltet, anderenfalls verwickelt es sich schnell in den Achsen.

Fazit zum Dobot Rigiet

Ganz billig ist der Spaß mit seinen rund 200 Euro natürlich nicht, keine Frage. Mit dem Dobot Rigiet bekommt man aber einen sehr hochwertig verarbeiteten Gimbal, der nicht nur für private Zwecke herhalten, sondern auch (semi-)professionelle Nutzer zufriedenstellen dürfte. Zur damaligen Kickstarter-Finanzierung und noch einige Monate danach wollte man den Gimbal-Markt ordentlich einheizen, zum damaligen Zeitpunkt lagen die Gimbals beispielsweise von DJI noch deutlich höher im Preis. Inzwischen ist die Preisklasse um 200 Euro zwar keine Seltenheit mehr, oftmals gehen die Hersteller dann aber Kompromisse ein, zum Beispiel gibt es nur zwei stabilisierte Achsen oder ein Gehäuse aus 100% Kunststoff. Beim Dobot Rigiet gibt es aber nur wenig Kompromisse.

Das aber heißt nicht, dass es nicht auch ein paar Schwachpunkte gibt. Da wäre das meiner Meinung nach sehr ungünstig platzierte Schraubengewinde für die Befestigung an einem Stativ und die fehlende Koppelung via Bluetooth. Auch die App ist zwar solide, könnte aber (zumindest unter iOS) noch ein paar Verbesserungen und Anpassungen an das iPhone X vertragen. Meiner Meinung nach wiegen die positiven Merkmale die negativen Punkte auf der Liste jedoch auf. Auf der Habenseite aber stehen mit Materialien, Verarbeitung, Funktionen und Performance deutlich schwergewichtigere Punkte, die den Dobot Rigiet absolut empfehlenswert machen. Wer als Hobbynutzer oder (semi-)professioneller Nutzer seine Videos aufwerten will, der kann bedenkenlos zuschlagen.

Dieser Artikel wurde mir vom Hersteller als Testmuster zur Verfügung gestellt. Mehr Infos

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