Entwickler-Interview mit Felix Lisczyk (SnipNotes)

Marcel Am 08.04.2018 veröffentlicht Lesezeit etwa 9:52 Minuten

Im letzten Monat begonnen, folgt nun der zweite Teil der #TheTalkingDEV-Reihe. Nachdem Kevin Reutter mit seiner To-Do-App Planny den Anfang machte, hatte ich nun Gelegenheit, ein kleines Mail-Interview mit Felix Lisczyk zu führen. Mit seiner App SnipNotes ist er bereits seit gut drei Jahren im App Store für iOS und auch macOS vertreten und hat im Laufe der Jahre seine App mit regelmäßiger Beständigkeit mit kleineren und größeren Updates bedacht und neue Funktionen implementiert. Für unabhängige Entwickler ein langer Zeitraum, denn nicht selten ist es so, dass die Entwicklung nach ein paar Monaten oder Jahren einschläft.

Bei SnipNotes handelt es um eine Kombination aus Clipboard-Manager und kurz- oder mittelfristig benötigten Notizen. Der Clou: Neben einer flotten Übernahme der Inhalt aus der Zwischenablage heraus erkennt die App auch automatisch, worum es sich bei den Inhalten handelt und kann diese bei Bedarf kontextsensitiv „weiterverarbeiten“: Beispielsweise lassen sich Telefonnummern direkt anrufen oder als Nachrichtenempfänger nutzen, Standorte können direkt auf der Karte anzeigt werden und derlei Dinge. Aber lange Rede, kurzer Sinn: Wer mehr über SnipNotes erfahren möchte wirft einen Blick auf die Artikel im Blog – wer mehr über Felix erfahren möchte, liest hier weiter.

Tagtäglich versuche ich hier im Blog empfehlenswerte App-Neuvorstellungen und -Updates zu präsentieren. Dort steht meist die App selbst im Vordergrund, die Entwickler und deren Schweiß und Tränen kommen oftmals zu kurz. Dabei sind es gerade sie, die den Nutzer-Alltag mit durchdachten, praktischen Apps angenehmer gestalten. In der Reihe #TheTalkingDEV möchte ich einmal im Monat vor allem den Indie-Entwicklern ein wenig Lesezeit einzuräumen – für flotten Small Talk rund um den Entwickleralltag, gemachten Erfahrung und ihren Babys.

SnipNotes dürfte einigen Lesern des Blogs bereits bekannt sein. Der Entwickler steht aber zumeist hinter seiner App zurück. Daher kurz notiert: Wer bist du und warum entwickelst du?

Ich heiße Felix Lisczyk, bin 28 Jahre alt und komme aus Coburg in Oberfranken. Nach meinem Informatik-Studium habe ich einige Jahre als Softwareentwickler bei einer Firma gearbeitet und nebenbei meine eigene App SnipNotes entwickelt. Seit 2017 bin ich nun freiberuflich tätig und arbeite im Moment ausschließlich an SnipNotes. Neben der Arbeit treibe ich gerne Sport und spiele Tischtennis.

Am Programmieren reizt mich die Magie, aus dem Nichts etwas Neues zu erschaffen. Mit einem halbwegs aktuellen Computer und ein paar Grundlagen kann im Prinzip jeder Mensch Software entwickeln. Natürlich steckt hinter einem fertigen Programm viel Aufwand und Know-How. Aber die Möglichkeit mit einer Idee ohne große Vorbereitung einfach loslegen zu können und zu schauen, was sich daraus „entwickelt“, fasziniert mich.

Eine App wie SnipNotes ist sicherlich kein Anfängerprojekt. Was hast du zuvor gemacht, sollte man frühere Projekte kennen?

Ich habe erst im Studium richtig mit dem Programmieren angefangen, das war ca. 2009. Zu Beginn entstanden dabei hauptsächlich Java- und Web-Anwendungen. In der zweiten Hälfte meines Studium habe ich dann meine Liebe für die iOS-Entwicklung entdeckt und mehrere kleine Apps für Unternehmen geschrieben. Mit dem Kauf meines ersten MacBooks im Jahr 2012 konnte ich schließlich damit beginnen, meine eigenen Ideen zu realisieren. Mit meiner größten (und bisher einzigen veröffentlichten) App SnipNotes habe ich im Oktober 2014 angefangen. SnipNotes hat damals sehr klein begonnen und konnte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung durchaus noch als Anfängerprojekt bezeichnet werden. Seitdem ist die App stetig gewachsen und hat inzwischen ein gewisses Niveau an Komplexität erreicht. Aber auch meine Kenntnisse und Fähigkeiten haben sich verbessert und ich habe gelernt diese Komplexität zu beherrschen.

Ich denke mal, es ist gar nicht so weit hergeholt, dass du SnipNotes auch selbst im Einsatz hast. Welche weiteren Produktivitätstools finden auf deinen Geräten Verwendung?

Ich nutze zur Entwicklung ein 13“ MacBook Pro und lege großen Wert auf Automatisierung und Tastenkombinationen. Zu meinen wichtigsten Werkzeugen neben Xcode gehören Alfred und Contexts.

Alfred ist ein Ersatz für die Spotlight-Suche mit deutlich größerem Funktionsumfang und Erweiterungsmöglichkeiten. Damit steuere ich fast alles auf meinem Mac, von Datei- und Websuchen, über die Verwaltung der Zwischenablage bis hin zur Steuerung meiner Musik und Raumbeleuchtung.

Contexts erleichtert den Wechsel zwischen Programmen oder zwischen den einzelnen Fenstern innerhalb eines Programms. Wenn ich zum Beispiel mehrere Programme oder Dateien auf einem Desktop geöffnet habe, muss ich nur die ersten zwei, drei Buchstaben des Namens eintippen und Contexts springt direkt zum richtigen Fenster.

Ansonsten verwende ich noch Todoist für die Verwaltung von Aufgaben, JIRA und Confluence zur Projektsteuerung sowie Sourcetree als Client für mein Quellcode-Archiv. Aber auch andere Notiz-Apps wie Evernote und Bear kommen bei mir zum Einsatz, man muss die Konkurrenz ja stets im Blick behalten.

SnipNotes geht weit über einfache Notizen hinaus. Möchtest du gezielt eine bestimmte Zielgruppe ansprechen?

Jein. SnipNotes war ursprünglich als erweiterter Zwischenablage-Manager geplant. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass viele Nutzer SnipNotes gerne als ihre primäre Notiz-App einsetzen möchten und sich entsprechende Features wünschen. Heute positioniert sich SnipNotes als Hybrid zwischen diesen beiden Kategorien: Es bietet mehr Möglichkeiten zur Verwaltung und Organisation als ein einfacher Zwischenablage-Manager und kann Inhalte schneller abspeichern als eine reine Notiz-App, etwa über das Widget für die Heute-Ansicht.

Mir ist bewusst, dass ich als Einzelentwickler keiner großen Firma wie Evernote den Rang ablaufen kann. Daher konzentriere ich mich eher auf Nischen. Neben dem Hybrid-Modell ist ein weiteres Beispiel dafür die Apple Watch – App. Dieses Gerät wird von vielen großen Unternehmen vernachlässigt, da es nicht genug Nutzer gibt. SnipNotes hingegen bietet eine sehr umfangreiche Apple Watch App, auf der Notizen nicht nur betrachtet, sondern auch erstellt, durchsucht und offline gespeichert werden können.

Gefühlt wird der App Store mit immer mehr Apps geflutet, deren Entwicklung dann aber nach maximal 1-2 Jahren einschläft. Wie schwer ist es, sich als Indie-Entwickler immer wieder zu motivieren und im App Store zu bestehen?

Das hängt stark vom Erfolg und der eigenen Organisation ab. Nach einem erfolgreichen Update mit viel Lob und Zuspruch fällt die Entwicklung des nächsten Updates natürlich deutlich leichter als in einer Phase ohne Resonanz. Dann entsteht schnell der Eindruck, dass sich niemand für die App interessiert und man beginnt das gesamte Projekt infrage zu stellen.

Daher ist es wichtig, eine App in kleinen Schritten weiterzuentwickeln und regelmäßig neue Versionen zu veröffentlichen. Zum einen verkürzen sich dadurch die Leerlauf-Phasen, zum anderen verringert man mit regelmäßigem Feedback auch das Risiko in die falsche Richtung zu entwickeln.

Du hast ja recht früh eine vollumfängliche App für die Apple Watch implementiert. Mal ganz abgesehen davon, dass der Aufbau aufgrund des Displays und der Nutzung unterschiedlich ausfallen muss: Gibt es Erfahrungen, die du aus der Arbeit mit dem WatchKit rüber in die iOS-Apps genommen hast?

Die Apple Watch hat sich seit ihrer Veröffentlichung stark gewandelt. Anfangs liefen Apps noch direkt auf dem iPhone und nur die grafische Oberfläche wurde auf der Uhr dargestellt. Als mit watchOS 2 und nachfolgenden Updates dann immer mehr Funktionen direkt auf der Uhr ausgeführt werden konnten, musste ich die Datenlogik stark überarbeiten. Während die erste Version von SnipNotes auf der Apple Watch noch direkt auf die iPhone Datenbank zugreifen konnte, waren nachfolgende Versionen plötzlich eigenständige Clients, die ähnlich wie andere iOS Geräte mit dem iPhone kommuniziert haben. Damit einher gingen natürlich auch die üblichen Probleme einer Synchronisation wie Konflikte und unvollständige Datenstände.

Die Erkenntnisse, die ich damals bei der Verbesserung der Apple Watch – Synchronisation gewonnen habe, konnte ich auch in andere Bereiche der App übertragen. Beispielsweise ist die iCloud Synchronisation zwischen verschiedenen iOS Geräten und mit dem Mac heute deutlich robuster und zuverlässiger als damals.

iOS und macOS? Welche Plattform bereitete dir die größeren Probleme?

Apple hat in den vergangenen Jahren schon gute Arbeit geleistet und viele vom Betriebssystem bereitgestellte Funktionen (Frameworks) auf beiden Plattformen verfügbar gemacht, wie etwa die iCloud-Synchronisation. Dadurch kann SnipNotes auf beiden Betriebssystem zu großen Teilen den gleichen Quellcode nutzen und nur die Benutzeroberfläche muss individuell erstellt werden.

In diesem Bereich unterscheiden sich die beiden Plattformen aber recht deutlich. iOS nutzt das UIKit-Framework für die Benutzeroberfläche, während macOS auf das deutlich ältere AppKit zurückgreift. UIKit ist damals mit den Erkenntnissen aus der Entwicklung von AppKit entstanden. Daher sind auch viele Schnittstellen deutlich moderner und leichter zu benutzen. AppKit hat mit vielen kleinen Bugs zu kämpfen, die seit Jahren bekannt sind und noch nicht behoben wurden. Dies macht die Entwicklung manchmal etwas mühsam, da man um diese Bugs herum entwickeln muss und öfter auf unerwartetes Verhalten stößt.

Die WWDC 2018 rückt näher und damit auch die Präsentation von iOS 12 und macOS 10.14. Aus Entwickler-Sicht: Was würdest du dir für die Systeme wünschen?

Es existiert seit einigen Wochen das Gerücht, dass Apple eine gemeinsame Schnittstelle für die Entwicklung von iOS- und macOS-Apps ankündigen wird. Dies würde ähnlich wie bei Universal Apps (iPhone und iPad) die Entwicklung plattformübergreifender Apps für iOS und macOS deutlich vereinfachen, da nur noch eine Benutzeroberfläche erstellt werden muss und kein AppKit mehr zum Einsatz kommt. Natürlich bleibt abzuwarten, ob dieses Gerücht wahr ist und ob die Schnittstelle in ihrer ersten Version wirklich schon als Ersatz für AppKit geeignet ist. Aber ich würde Entwicklungen in diesem Bereich auf jeden Fall sehr begrüßen.

Falls du Zahlen nennen möchtest: Gibt es grobe Zahlen, wieviele Nutzer die App heruntergeladen und gelöscht haben oder sie aktiv nutzen?

SnipNotes kommt als kostenpflichtige App natürlich nicht auf die gleichen Downloadzahlen wie vergleichbare, kostenlose Apps (mit Werbung oder Zusatzkäufen). Die iOS App hat seit ihrer Veröffentlichung im Februar 2015 mehr als 10.000 Käufer gefunden. Die macOS App ist erst ein knappes Jahr alt und deutlich teurer, hier liegen die Downloadzahlen im hohen dreistelligen Bereich. Etwa 2.000 Nutzer benutzen die Apps aktiv mindestens einmal im Monat.

Worauf können sich SnipNotes-Nutzer mit kommenden Updates freuen? Gibt es häufig genannte Featurewünsche, die demnächst umgesetzt werden?

Es gibt einige Features, die immer wieder nachgefragt werden und die ich schon viel zu lange vor mir herschiebe. Dazu gehören beispielsweise Formatierungsoptionen und die Möglichkeit, Texte und Bilder in einer Notiz zu kombinieren. Aber auch das Kategorie-System möchte ich erweitern und weitere Möglichkeiten zur Organisation von Notizen einführen.

iPhone-Nutzer sind ja nicht zwangsläufig mit einem iPad oder einem Mac unterwegs, inzwischen gibt es immer häufiger eine bunte Mischung aus verschiedenen Systemen. Können sich Cross-Plattform-Nutzer Hoffnungen auf eine Android- oder Windows-Version von SnipNotes machen?

Natürlich denke ich darüber nach, habe aber auch den damit in Verbindung stehenden Aufwand im Blick. Android, Windows 10 und andere Betriebssysteme haben jeweils ihre eigenen Programmiersprachen, System-Schnittstellen und Technologien. Eine Portierung auf diese Systeme ist daher gleichzusetzen mit einer kompletten Neuentwicklung der App. Es gibt zwar Tools, um Software für mehrere Plattformen zu entwickeln, aber die dabei entstehenden Apps ähneln dann oft ehr Webanwendungen und fühlen sich nicht mehr so richtig nativ an.

Notizen im Web wären ja auch nicht verkehrt…

Ja, eine Web-Anwendung halte ich mittelfristig für deutlich wahrscheinlicher. Diese lässt sich mit iCloud integrieren, da Apple hier entsprechende Schnittstellen zur Verfügung stellt. Momentan liegt mein Fokus aber auf der Weiterentwicklung der bestehenden Apps.

Immer mehr Entwickler setzen auf ein Abo-Modell, um die zukünftige Entwicklung stetig zu finanzieren. SnipNotes wird seit jeher ohne kostenlose Testversion und mit Einmalzahlung angeboten. Noch nie an die Einführung eines Abonnements gedacht?

Doch, natürlich. Ich finde aber auch, dass Apps mit Abo-Modell dem Nutzer einen regelmäßigen Mehrwert bieten müssen, um die wiederkehrenden Kosten zu rechtfertigen. Das können regelmäßige Updates mit neuen Funktionen sein und/oder ein Online-Service zur Synchronisation und Zugriff auf die Daten. SnipNotes hat dieses Niveau noch nicht erreicht, es gibt weder einen Zusatzdienst noch wirklich regelmäßige Updates (z.B. alle 4 Wochen). Gleichzeitig profitiert SnipNotes aber auch von seiner Stellung als reine Premium-App, da sich immer mehr Notiz-Apps einem Abo-Modell zuwenden.

Ich will nicht sagen, dass das Finanzierungsmodell von SnipNotes in Stein gemeißelt ist, aber im Moment plane ich keine grundlegenden Änderungen. Eventuell wird es mittelfristig ein paar In-App-Käufe geben, um z.B. eine Testversion oder eine Trinkgeld-Funktion anbieten zu können. Aber der volle Funktionsumfang der App soll sich weiterhin durch einen Einmalkauf freischalten lassen.

Einmal in die Glaskugel geschaut: Wird es zukünftig weitere Apps von dir geben oder wird deine Konzentration erst einmal weiterhin nur SnipNotes zuteil?

SnipNotes lief anfangs nur auf iPhone und iPad, mit der Zeit kam eine App für die Apple Watch und im vergangenen Jahr schließlich die Mac App hinzu. Mit der Anzahl der Plattformen steigt natürlich auch die Komplexität und der Aufwand, da Funktionen zum Teil mehrfach entwickelt und getestet werden müssen. Ich würde gerne mehr Zeit in die Entwicklung weiterer Apps investieren, bin aber im Moment mit der Weiterentwicklung von SnipNotes zeitlich voll ausgelastet. Eine Notiz-App ist ja auch nie wirklich „fertig“ und ich möchte in diesem Jahr einige große und lang erwartete Funktionen implementieren. Daher plane ich im Moment keine weiteren Projekte abseits von SnipNotes.

Wenn du (außer SnipNotes) drei Apps nennen müsstest, ohne die du auf deinem Smartphone nicht mehr leben könntest – welche wären das?

1Password, Overcast und Todoist

Was würdest du angehenden App-Entwicklern mit auf dem Weg geben?

Fangt mit einer kleinen App an und veröffentlicht sie so früh wie möglich. Gerade am Anfang hat man nur wenig Gespür dafür, wie die Zielgruppe für die eigene App aussieht und welche Erwartungen diese stellt. Es ist wichtig so früh wie möglich Feedback einzuholen, um nicht in die falsche Richtung zu entwicklen oder Monate an einer App zu verschwenden, die anschließend niemand nutzen möchte. Außerdem ist es schwierig die Motivation über einen langen Zeitraum ohne echte Erfolgserlebnisse aufrecht zu erhalten, das klappt bei einem kurzen Projekt meist besser. Und wenn die erste Version der App gut ankommt, fällt auch die anschließende Weiterentwicklung viel leichter.

Zum Abschluss möchte ich mich an dieser Stelle einmal bei Felix für das kleine Frage-Antwort-Spielchen bedanken. Solltet ihr noch weitere Fragen an Felix haben, schreibt sie einfach in die Kommentare.

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